Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Zwischenzeiten

 

Es ist wieder Winter. Totes Grün am Wegrand, raureifbehangen und in der Luft dieser Geruch von Schnee und Tannengrün um die Weihnachtszeit. Kein anderer riecht das Tannengrün, bevor es da ist. Ich zähle nicht mehr, warte wie immer sehnsüchtig auf das erste Weiß, das rein und kühl den schmutzigen Grund bedeckt. Wenn ich Glück habe, schaffe ich mehrere Kilometer pro Nacht. Einzufärben; Werkzeug habe ich immer dabei und eine Taschenlampe, um sicher zu gehen.

Manchmal laufe ich bis zum Friedhof. Erinnerst du dich an die uralte Eibe, ganz hinten links an der Mauer neben der kleinen, weißen Kapelle?

Dort will ich sein, wohin der Eibe Schatten sommermittags fällt.

Seit du fort bist, laufe ich auch bei Tag. Ein paar Mal nahmen sie mich mit aufs Revier oder lieferten mich auf der Notfallstation ab - die Anderen - bevor ihnen klar wurde, wohin sie die kleine Irre zurück zu bringen hatten, die sich jemanden einbildet, den es nicht gibt.

Wir haben einander so oft verloren.

Aber ich habe nie ein Wort gesprochen, Felix. Nie habe ich uns verraten. Einmal im Monat lediglich prüfe ich, ob ich meine Stimme los bin. Die Enttäuschung jedoch ist immer dieselbe.

Sie beobachten mich jetzt genau; das heißt, meine Zeit läuft ab. Seit ich neulich wegen akuten Blutmangels Transfusionen erhalten musste, wird es immer schwieriger an spitze Gegenstände zu gelangen. Selbst den Praktikanten, die sich regelmäßig in meine Hülle verlieben, mich mit Instrumenten versorgen oder mir mit ihrer Unachtsamkeit dienlich sind, wird immer schneller klar, dass ich schon viel zu lange hier bin, als dass meine Diagnose ein Irrtum sei. Dass ich nicht lache. Sie verstehen nichts. Ich muss jetzt immer länger warten mit neuen Ausflügen, da sie mich sonst einsperren und in diese Jacke stecken wollen; das habe ich von Miriam gehört, die spricht und in alles schreibt, worin Farbe haftet. An ihrem Körper gibt es keine Stelle, die nicht mit Malen oder Narben übersäht wäre. Das nenne ich krank. Ich hasse es, wenn sie mich küsst, aber sie hat immer etwas, um mir eine Freude zu machen: Sicherheitsnadeln, Reißnägel und manchmal sogar echte Rasierklingen.

Ein paar Monate noch, Felix. Nur ein paar Monate noch, bis die Beeren reifen.


© Katja Herrmann (2007)



 

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