Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Wir haben uns immer im Dunkeln geliebt

 

Erwartungsgemäß finde ich dich. Auf der selben Brücke. Die ohne Geländer, links. Stehst und schaust, hast dieses Lachen wieder dabei. Jenes verheißungsvolle, das ich überall wieder erkennen würde. In Zellophan gehüllt, kalte Strahlen einer tiefen Sonne reflektierend.

Bestich mich, sehne ich. Belüg mich. Einen Moment nur, bis es Abend ist. Oder bis morgen, so hätten wir noch die Nacht, die Dunkelheit, nach Kirschen schmeckende Lippen und Fingerspitzen überall, lustvolles Stöhnen begleitend, das sich in erschöpfter Atmung verliert. Und dann? Dann das Ganze von vorn und von vorn, bis ins Tageslicht, welches uns Lügen auf die Haut malt, die frieren lassen, weil es eben Winter ist.

Ein Windstoß lässt die Folie knistern. Ob wir nicht reden wollen, fragst du. Von dem, was anders ist und von Bedauern. Mir fällt auf, dass ich deine Augenfarbe nicht kenne - wir haben uns immer im Dunkeln geliebt - die auch jetzt im Schatten liegt und lügt. Verstehe auch deine Worte nicht - war das schon immer so? - höre nur in meiner Sprache zu und will dich begleiten. Wenigstens ein Stück. Ein kurzes nur, um zu verstehen und vielleicht die Farbe deiner Augen -

Ich erschrecke, als deine kalte Hand die meine nimmt. Wissend, unser Weg führt immer links herum.


© Katja Herrmann (2006)

 

 

 

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