Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Wer keine Angst vorm Teufel hat, braucht auch keinen Gott

 

Ich habe dich auf schwarzen Marmor gelegt. So, wie du es wolltest. Ich habe dir das weiße Kleid angezogen. Jenes, welches deine Mutter dir schenkte, bevor sie starb. Ich habe siebenundvierzig weiße Kerzen aufgestellt, auf dass deine Seele den Nimbus durchqueren und ins Licht gelangen möge. Ein Menge Hokuspokus für nichts und eine grobe Abänderung unseres ursprünglichen Planes, zugegeben.

 

Ich habe dich so oft gehen sehen. In Nächten, die sich, still und verwunschen unter bleiche Monde gebettet, seit Ewigkeiten wiederholen. Ein gegenseitiger Liebesbeweis ohne Gleichen: Du bist gestorben im Vertrauen darauf, dass ich dich rechtzeitig zurückhole, bevor es zu spät ist. Und ich - holte dich wieder. Jedes Mal. Weißt du noch? Wir waren eins: Ein Herzschlag, eine Seele. Gespalten in zwei Hälften bis zu der Nacht, in der ich eine Zeremonie finden würde, die aus zwei Teilen wieder ein Ganzes macht. Ich habe dich geliebt, ich habe dir vertraut. Selbst dann noch, als du dich von mir abwandtest, als du unseren Schwur nicht mehr besiegeln wolltest. Hexen hexen nicht, hast du zu mir gesagt, heute nicht mehr. Und dass ich auf der dunklen Seite stünde - und du im Licht. Es war die Angst in deinen Augen, die dich verriet, nicht die Worte, die du wähltest, um Ihnen Gestalt zu verleihen.

 

Als du zum letzten Mal die Schwelle zwischen Leben und Tod überschritten hattest, saß ich bei dir und hielt geduldig deine Hand. Und das, obwohl ich deutlich dein Bitten spürte. Nur einmal noch, hast du gefleht. Nur einmal noch, ein allerletztes Mal. Aber Hexen hexen nicht. Heutzutage nicht mehr, erinnerst du dich? Also wandte ich mich an Gott für dich und fragte ihn, ob er fände, dass ich dein Blut noch einmal daran hindern sollte zu gerinnen. Das Schweigen der Welt, das auf meine Frage folgte, war nie friedlicher als in den Sekunden, in denen deine Atmung allmählich flacher wurde. Nie vollkommener, als in den Stunden, die ich neben dir verweilte und interessiert feststellte, wie lange es dauerte, bis ein Körper auskühlte. Als ich ganz sicher war, dass Gott nichts mehr dazu zu sagen hatte, rief ich den Notarzt.

 

Ich habe im Übrigen auch die siebenundvierzig weißen Lilien genau deinen Anweisungen entsprechend um dich herum drapiert und während der Trauerfeier penibel darauf geachtet, dass keiner der Trauergäste sie verschiebt. Keine Sorge, ich habe das gerne für dich getan. Ein Herzschlag, eine Seele. Weißt du noch?

 

 

© Katja Herrmann (Februar 2016)

 

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