Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Vergissmeinnichtlila

 

Ich weiß nicht, wann die Vergangenheit angefangen hat sich zu verändern, aber sie tut es. Wortbilder schieben sich in meine Erinnerung, halberahnte Berührungen in mein Gefühl. Ich habe Mühe hinter ihre dunstige Fassade zu schauen, sie festzuhalten, einzuordnen.

 

Manchmal gelingt es mir: Hannah beim Zeitunglesen. Hannah in der Cocktailbar am Mittelmeerstrand. Hannah, wie sie sich die Haare kämmt, im bodenlangen Kleid, kurz bevor wir zu einer Party wollen, auf die wir dann doch nicht gehen. Hannah, wie sie den Weihnachtsbaum schmückt mit riesigen bunten Kugeln. Hannah im Bett, den Geschichten lauschend, die ich ihr vorlese, wenn sie krank ist. Wir beide im Bett, berauscht von Whisky und Wein und vom Leben. Und dazwischen Hannahs Farben: Blutrot, Sonnengelb und Vergissmeinnichtlila. Wir brauchten nicht viel, Hannah und ich. Ein paar Träume, ein bisschen Realität... Verbundenheit, die nicht aufrechnet und Berührungen, die nichts verlangen und eben darum alles bedeuten.

 

Glaubst du, dass es immer so sein wird? Zwischen uns? Fragen, die niemand stellt, weil man die Antworten darauf insgeheim schon kennt. Ticktak.

 

Manchmal gelingt es mir nicht. Dann erscheinen mir die Tage mit Hannah unwirklicher und unsere gemeinsame Zeit kürzer denn je. Dann kann ich sie nicht finden, mein Gefühl für sie verliert sich irgendwo auf dem Weg zu ihr. Ich habe nur 2 Fotos von ihr. Eines zeigt eine Gruppe von Freunden nach einem Kinobesuch. Es ist nicht besonders gut, man kann kaum Gesichter darauf ausmachen. Das andere zeigt Hannah im Bikini am Strand. Sie trägt einen großen Sonnenhut, hat die Arme weit ausgebreitet, so als wollte sie fliegen, über ihr nur Himmel. Ich weiß, dass ihre Augen blau waren und ihre Lippen rot, und dass ihre Mundwinkel, auch wenn sie nicht lachte, stets ein klein wenig nach oben geschwungen waren. Eine Wirklichkeit, die ich nicht lebe, sondern erinnere, und der ich eben darum nicht traue. Dann wieder denke ich wochen- oder monatelang gar nicht an sie und komme mir vor wie eine Verräterin, weil ich so gut ohne sie auskomme.

 

Ich mag Veränderungen, sagte Hannah bei einer unserer letzten Begegnungen. Sie sind wie ein sanfter Frühlingsregen. Nachher ist alles immer ein bisschen anders. Die Farben sind strahlender, die Luft ist frischer und... Sie sah aus dem Fenster und rauchte und ich sah ihr dabei zu, als sei es das Normalste auf der Welt, dass Hannah rauchte. Ich sah zu, wie sich der Rauch als weißer Nebel zwischen uns legte und dichter und dichter wurde. Auf eine Zigarette kam es nicht an, da hatte sie recht, auch nicht auf zwanzig oder fünfzig.

 

Ich lasse meinen Blick durch das Zimmer streifen und über die Sachen, die ihr gehörten. Ein leichter Windstoß bauscht die Gardinen vor dem angelehnten Fenster auf und lässt mich frösteln. Wenn ich die Augen schließe und mir Mühe gebe, kann ich sie sogar Lachen hören. Manchmal.

 

 

© Katja Herrmann (2013)

 

 

 

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