Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Still

 

Wenn die Liebe stirbt, ist es still, ganz still. Vielleicht trinkt sie deshalb, um der Stille den Einlass zu verwehren, nach dem sie verlangt.

 

Ihr Kind hatte noch nicht einmal einen Namen, als es starb. Es hatte keine Augen, keine Stimme und kein Gesicht. Ihr Kind hatte so wenig ein Gesicht, dass selbst er es vergaß. Dass alle es vergaßen. Man könnte meinen, dass das den Abschied leichter machte.

 

Sie vergaß es nie. Noch heute fragt sie sich, wie es gewesen wäre, das kleine Mädchen, wer es geworden wäre, hätte es jemals sein können. Wer sie selbst gewesen wäre. Mit diesem Kind. Fragen, die nach Jahren dieselben sind, weil sie nie eine Antwort erhalten.

 

Sie hat nie gelernt Abschied zu nehmen und loszulassen. Wurde stattdessen erwachsen und vernünftig im Angesichte derer, die leben. Im Angesicht des Kindes, das nur einen Monat später den Platz des toten einnahm, und das ihr, noch lange nach seiner Geburt, wie ein Zwilling erschien, dessen andere Hälfte fehlt.

 

Ich habe mir mein Leben anders vorgestellt...

 

Worte, die sie flüstert, manchmal nachts, wenn sie nicht schlafen kann. Wenn sie sich wünscht am nächsten Morgen aufzuwachen und sich im Zimmer ihres Elternhauses wieder zu finden. Siebzehn Jahre alt und ihre Geschichte noch ungeschrieben.

 

 

© Katja Herrmann (2014)

 

 

 

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