Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Schnee

 

Es war eine jener Nächte, in denen das Licht der Laternen etwas heller ist, das Rot der Reklameleuchten einen Tick röter, der Schnee auf dem Gehsteig weißer und meine Lippen kalt, so kalt.

Mein Verstand, noch erhitzt vom Spiel deiner Zunge auf meiner Haut, von Küssen, die so süchtig machen, dass ich mich in ihnen auflösen möchte, vom Druck deiner Finger um meine Handgelenke, vom Gewicht deines Körpers auf mir, dein hitziges, fast schmerzhaftes Eindringen in mich und mein Flüstern in deine schneller werdende Atmung: Fick mich. Fick mich! Als ich später rauchend am Fenster sitze, schneit es. Das Aufglimmen meiner Zigarette verliert sich in der Dunkelheit. Meine Augen folgen den Konturen deines Körpers unter den Laken. Du atmest flach und für einen Moment bin ich versucht, mich zu dir legen, in deine Arme, deinen Herzschlag. Dich zu wecken und zu wollen, wie all die Stunden zuvor - seltenen Blüten gleich auf eine Schnur gereiht. Wie Schneeflocken. Mir fällt dieser Song ein...

Ich habe Angst uns zu verpassen. Ich habe Angst, wir lösen uns auf.
Nein, ich lass dich nicht raus, nein ich lass dich nicht gehen!
Und ich weiß und ich weiß und ich weiß – ich tu mir grad weh!


Mein Atem malt bizarre Gebilde vor mein Gesicht. Ich zünde mir eine weitere Zigarette an. Ein Insekt knallte gegen die Scheibe, gegen die ich, auf dem Fenstersims sitzend, lehne, taumelt, fängt sich wieder und verschwindet im Zimmer. Ich lächle: Nächte wie diese haben Schmetterlinge und keine Morgendämmerung über den Häusern.

 

 

© Katja Herrmann (August 2015)

 

 

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Anmerkung: Der zitierte Text stammt aus dem Song "Unter meiner Haut" von Elif. https://www.youtube.com/watch? v=eptSs9TzrwE&index=16&list=PLi6vMJigl4QTzleZARIa_4RoCW8Q71DK5

 

 

 

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