Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Schmerz

 

Ich bin bei dir und trinke Wein. Dass dein Tag mies verlaufen ist, merke ich daran, wie laut du die Tür hinter dir ins Schloss wirfst, als du nach Hause kommst. Das geschieht oft. Ungefähr genauso oft, wie ich dir zu verstehen gebe, dass ich nicht das Ventil für deine Agressionen sei, nur weil du einen Scheißtag hattest. Sprich nicht so mit mir, sage ich dann. Ich akzeptiere nicht, dass du mich respektlos behandelst, nur weil die Dinge nicht so laufen, wie du es dir vorgestellt hast.

Ich greife nach meinem Glas und trinke einen Schluck Wein.

Du nimmst mir das Glas aus den Händen und leerst es mit den Worten: Und wenn mir das total egal ist?

Ich schweige.

Was willst du dann tun? Weglaufen, so wie du es immer tust, wenn etwas nicht nach deinen Vorstellungen verläuft? Um dann wiederzukommen und dich über dieselben Dinge aufzuregen? Ein Spiel, das nach zehn Jahren recht lächerlich ist, findest du nicht?

Ich suche nach Worten und wie immer, in Situationen wie diesen, fällt es mir schwer, sie zu finden.

Ich weiß es nicht, flüstere ich drum.

Du lachst und versuchst mich anzufassen.

Nimm deine Hände weg, sage ich bestimmt.

Gut. Sagst du, gehtst zum Weinregal und nimmst eine Flasche heraus. Dann füllst du unsere Gläser und reichst mir das meine.

Worauf trinken wir?

Ich hebe die Schultern, außerstande etwas vorzutäuschen, das nicht ist und mich innerlich gegen weitere Ungerechtigkeiten wappnend, mit denen ich gleich zu tun haben würde.

Rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz und weiß wie Schnee..., sagst du und versuchst mich zu küssen. Ich schiebe dich vorsichtig von mir.

Die Tatsache, dass du erst einige Minuten da bist und schon das zweite Glas leerst, bedeutet nichts Gutes, aber es kommt schlimmer.

Stimmt, ja, Schneewittchen lässt sich nur ficken, wenn alle Umstände in ihrem Leben beschissen perfekt sind, sagst du und ich hasse dich und dein herablassendes Grinsen.

Wir stehen uns gegenüber wie Feinde. Ich kann in deinen Augen sehen, dass du mich hasst – zumindest in diesem Moment - und würde tatsächlich am liebsten gehen.

Ein paar Augenblicke vergehen, dann fallen gewohnte Worte wie Eiswürfel in die Stille zwischen uns: Geh schon mal ins Schlafzimmer. Und nimm eine Flasche Wein mit, ich komme gleich, ich muss noch ein wichtiges Telefonat führen.

 

Als ich in deinem Schlafzimmer auf dem Rand deines Bettes sitze, die Weinflasche in der einen und unsere Gläser in der anderen Hand, frage ich mich, wie es wohl wäre, wenn ich einfach ginge und nie wieder käme. Aber wo sollte ich hingehen? Nach 10 Jahren ging man nicht einfach irgendwo hin.

 

 

© Katja Herrmann (März 2017)

 

 

 

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