Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Schein.end


G e r e d e t  hatten wir seit Sonnenaufgang.

Über alles, was das Zwischen-Uns nicht betraf. Darin waren wir gut. Selbst, als wir unsere Zeit ablaufen sahen, hielten wir fest an der Idee, dass eigentlich alles war, wie es sein musste, breiteten ganz selbstverständlich den trüben Anschein von Normalität über den Dingen aus, die besprochen werden wollten. Ich erinnere mich nicht, wann genau wir damit anfingen; wann ich damit anfing, unsere allzeit so hoch gehaltene Aufrichtigkeit wie etwas Entbehrliches zu behandeln.

Umso besser erinnere ich mich an das Blau deiner Augen und an die genaue Länge der Schatten, die deine schwarzen Wimpern im Grellgelb der hochstehenden Mittelmeersonne auf deine Wangen warfen. Beinahe war mir, als ob die Oberflächlichkeit, die mir ein Leben lang an meinen Mitmenschen so zuwider gewesen war, ihre krummen, kleinen Klauen nach mir ausstreckte. Bei genauerem Hinsehen jedoch erkannte ich unter ihrer schmutzigen Fassade das bleiche Angesicht dessen, was sich Angst nennt und sich einem gern still als unnachgiebiges Begleitsel anheftet.

Also wartete ich darauf, dass unsere Probleme sich regeln würden und malte währenddessen alles, was ich an dir liebte in hundertfacher Vergrößerung in die Leere zwischen uns. Sorgsam darauf bedacht, keinen Atemzug zu verpassen, dessen pinselstrichige Bildwerdung in sich das Licht konservieren sollte.


Dass es trotzdem Abend wurde, überraschte uns eigentlich nicht. Es kann immer kommen, wie es kommt; auch das ist Leben. Nur, dass es dunkel blieb von diesem Tage an – damit hatten wir nicht gerechnet.

 

 

© Katja Herrmann (2010)

 

 

 

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