Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Schattenspiel

 

Immer nachts treffen wir uns. An der gusseisernen Schaukel hinter der verfallenen Villa im Park. Wenn des Mondes milchiges Licht durch das Geäst uralten Baumbestands fällt, kann ich dein Gesicht beinahe erkennen und erahnen wie du lachst, weil ich mich vor dir im Tanze drehe. Dann können aus verstohlenem Flüstern Laute werden, die unserer Sprache dichter sind als alles Nachgeahmte, das das Jetzt mit sich zwingt. Für einen kurzen Moment nur, ehe mir klar wird: Eigentlich brauchen wir das nicht.

 

Wir haben längst das Interesse daran verloren, uns an immer neue Stimmen, neue Gesichter zu gewöhnen. Wir finden einander treffsicher und ohne jede Äußerlichkeit. Sich an der Schönheit eines Menschen satt zu sehen, dauert nicht lange und bindet nicht. Was fesselt, kommt von woanders; vom `Lange Her`. Es schießt wie Adrenalin bis in die letzte Zelle des Körpers, den verborgensten Winkel des Bewusstseins, wo es sich manifestiert und die Zeit überdauert, jedes Wählen unterbindet und für nichts Anderes Raum lässt, als das, wofür es sich einmal Platz geschaffen hat. Etwas, das sich gern in das Gewand der Liebe kleidet, um sich zu legitimieren.

Und so drehe ich mich unter deinen Augen, ohne mich je im Spiegel gesehen zu haben. Lausche neben dem Rauschen meiner Kleider auf das Schreien der Käuzchen in den Wipfeln schwarzer Kastanien, dich auf der Schaukel wissend, bereit, mich aufzufangen, sobald ich von diesem Tanz lasse, dessen Routine mir die Kraft nimmt, mich deiner zu erwehren. Bis ich zusammenbreche, in deine Arme sinke und mich verliere. An dich und dieses schmutzige, gewaltsame Spiel, von dem ich nicht lasse, obwohl es mich verdirbt. Jeder Kuss ein Mal für die Seele, jede Berührung eines für die Haut. Die offensichtlichen, realen Verletzungen hingegen, die nach jedem Treffen mit dir meinen Körper zieren, schmerzen wenig, ganz gleich wie sehr du mich quälst.

 

 

Manchmal glaube ich, wir treffen uns nur der Käuzchen Schreie wegen -

 

 

die unsere Sprache sprechen und mahnen: Du wartest auf mich. Hinten im Schlosspark. Schaukelnd und auf Einlösung eines Versprechens bestehend bis ans Ende der Zeit -

 

 

weil sie keinen Laut von sich gibt, wenn sie schwingt...



© Katja Herrmann (2007)

 

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Katja Herrmann