Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Nicht Wir II

 

Ich gehe unsere Straße entlang. Es sind dieselben Bäume, aber sie sind grau geworden. Erinnerungen tropfen von ihnen, vermischt mit dem Wasser des Regens. Und es regnet jeden Tag. 

 

Ich höre unsere Songs. Es sind dieselben Melodien, aber sie erzählen nicht mehr von uns. Ihre Geschichten hängen im Vergangenen wie undeutlicher werdende Schatten. Wie Spinnenweben, die versuchen den Regen aufzufangen. 

 

Es ist spät. Es ist still. Ich bin hellwach und sitze im Dunkeln. Reglos, wie eingefroren in der Zeit, auf der Suche nach einer Zuflucht vor dem Vergessen, angstvoll einem Morgen entgegenschauend, das von uns nichts mehr weiß. 

 

Irgendwann laufe ich völlig übernächtigt ins Badezimmer und frage mich, wer das da ist, im Spiegel. Nimm meine Hand, bevor wir aufhören zu existieren, flüstere ich. Nimm meine Hand, uns läuft die Zeit davon. 

 

 

© Katja Herrmann (2020)

 

 

 

 

Nicht Wir I

 

Freunde hatten wir sein wollen. Der eine mehr, der andere weniger vielleicht. Es bot sich an, wir waren so allein. Und dieses Märchen, das wir uns erfanden, vom Gleichsein, von Gemeinsamkeit, wie Honig süßte es uns unsere Lippen. Ließ mich diesen weichen Pulli in Übergröße kaufen, im Glauben daran, wie hätten beide in ihm Platz. Ließ dich Blumen ziehen in einem Garten, der nie etwas anderes als Wiese war. Ließ uns im Regen tanzen, der irgendwann kam und ging und kam...

Der Pulli liegt noch immer unbenutzt und Blumen schenktest du mir nie. Das einzige, was Blüten trieb in jener Zeit waren unsere guten Vorsätze. Meist dann, wenn ich im Morgengrauen dein Bett verließ.

Das Tropfen lässt nicht nach. Wäscht schon seit Wochen Rot aus meinem Haar, das sich schon lange nicht mehr um uns dreht. Und neben alledem dein Weinen, von welchem ich nicht weiß, wie ich zu ihm gekommen bin.

Nimm meine Hand, bevor es kalt wird. Uns läuft die Zeit davon.

 

 

© Katja Herrmann (2007)

 

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