Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Nanouk

 

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich wieder die Fähnchen im Sand. Ich vergrabe meine Füße und lasse die feinen Körnchen zwischen meinen Zehen hindurch rieseln. Siebenundvierzig Stück… Rot… Wie eine Linie aus Blut in den Schnee gezeichnet, von der Veranda bis hin zum Wasser.

 

Du hast alles rot angestrichen während unserer Sommer am weißen Meer und es immer wieder übermalt, selbst noch, als du schwächer wurdest und vieles dir Mühe machte. Meine Fragen in kargem Russisch nach dem `Warum` hast nie beantwortet, nur gelächelt, meine Hände genommen und mich mit dir fort gezogen. Erst wild und leidenschaftlich - und später sanft und leicht wie ein Wiegenlied in einen Traum - in eine Welt, die so ganz anders als die meine war.

 

Immer wenn der Wind geht und die Wimpel flattern, höre ich wieder deine Stimme, die in vertrautem, mildem Ton mit mir spricht, dein heiseres Lachen, mit dem du deinen Kopf an meinem Hals vergräbst. Ich sehe dein Gesicht vor mir, dass in ungezählten Nächten meines mit Küssen bedeckt hat, deine Augen, blau, wie das Meer an einen warmen Sommertag. Dann verspüre ich schmerzhaft den Wunsch, noch einmal deinen Atem auf meiner Haut zu spüren, mit meinen Händen dein blondes Haar zu verwuscheln, das fest und trocken vom Salzwasser ist. Wasser, das nun nur noch schwarz ist und schwer wie Zement in die Tiefe zieht, so wie die Erinnerungen an dich.

 

Es ist wieder Sommer. Unzählige Male laufe ich den Strand ab, beobachte eine auf dem Wasser treibende Schollen und friere. Meine Tränen brennen rote Ränder in meine Wangen, was wohl das Salz macht. Farbe bröckelt von feuchtem Holz, und die Stille deines Hauses blockiert wie ein Fremdkörper meine Atemwege, lässt mich nicht los. Wir hatten keinen Abschied, wir zwei.

 

 

© Katja Herrmann (2011)

 

 

 

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