Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Nachtschatten

Manchmal folge ich dir in den Wald. Es ist wie ein Spiel: Ich laufe dir nach ohne den Weg zu kennen, atemlos. Mein Blick ist fest an dich geheftet, um dich nicht zu verlieren, mit dir Schritt zu halten, dich vielleicht einzufangen. Geschickt wie ein Tier schlüpfst du durch das Unterholz, bewegst dich wie ein Kind, das an den Spielplatz seiner Kindheit zurückkehrt und diesen unverändert findet. Ich habe Mühe dir zu folgen, mit den Händen immerfort Äste abwehrend, die mir ins Gesicht schlagen, Spinnweben über meinen Wangen und in meinen Wimpern. Ich versuche schneller zu laufen, fange an zu rennen, mir immer ein Stück voraus dein Lachen, immer beinahe entwischt. Bis die seltsame Jagd ganz plötzlich endet und ich mich am Ufer eines alten Weihers wieder finde, dicht umstanden von knorrigen Weiden mit tief herabhängenden Zweigen, hohen Birken und zerzausten Tannen, Mückenschwärme knapp über dem Wasser schaukelnd, die Sonne schon tief und der Wald allmählich dunkler werdend. Ich schweige, drehe mich staunend einmal um mich selbst und betrachtete diesen seltsamen Ort im Dämmerlicht. Hier muss es sein, denke ich, hier werde ich dich finden und festhalten.
.Fest

Mein wildes Herz durchbricht meinen Brustkorb, bäumt sich auf wie ein verwundetes Tier unter der Oberfläche meiner Haut, die, zum Zerreißen gespannt, das dumpfe, angstvolle Pochen nur mühsam bergend, jede Sekunde zu bersten scheint.
Wo bist du? WO BIST DU!!! Mein Schrei verbleibt tonlos hinter aufgesprungenen Lippen, mein Blick sucht verzweifelt nach einer Bewegung in den länger werdenden Schatten.
Und dann, auf einmal, stehst du vor mir. So dicht, dass ich deinen Atem auf meinen Lippen spüre, bevor sie die meinen überhaupt berühren. Dein Kuss entfacht wie ein Stickflamme sofort das alte, vertraute Feuer in mir. Ich sehe dich an, aber das Strahlen deiner Augen hinterlässt ein schmerzvolles Brennen auf meiner Netzhaut und deine Finger legen sich kalt wie Eis um meine Handgelenke, mich mit dir zu ziehen in einen Morast dunkler Ahnungen und erschreckender Gewissheiten.
Unter Aufbietung all meiner Kräfte halte ich eine wackelige Balance, flehe dich an mich loszulassen und bei mir zu bleiben zur selben Zeit, fange verzweifelt an zu weinen, deine Hände noch immer unbarmherzig fest um die meinen geschlossen.

Wenn ich dann schluchzend und zitternd erwache, den Duft deines Parfüms noch wie Rauch in meinen Haaren, dauert es Tage, bis ich mit dem zurechtkomme, was deine Gegenwart wieder in mir auslöst. Ich war wie ein Vakuum damals, als wir uns kennenlernten, begierig alles aufzusaugen, was sich mir bot und du wie ein Gift, das in jede meiner Zellen eindrang, um für immer dort zu verbleiben. Wir fraßen einander mit einer Begierde auf, die nichts übrig ließ außer einer bodenlosen Leere, die stets erneut und erneut gefüllt werden wollte.

Ich habe so oft gehört, so oft, dass es besser wird, und dass man irgendwann lernt loszulassen, aber das stimmt nicht. Es stimmt einfach nicht. Ich kann dich nicht loslassen. Ich kann dich nicht vergessen. Und manchmal – manchmal kann ich nicht einmal atmen ohne dich.

 

 

© Katja Herrmann (2012)

 

 

 

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