Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Mit den Augen einer Fremden

Wusstest du, dass ich von dir träume? Nicht oft, aber manchmal? In meinem Traum komme ich gerade aus dem Büro nach Hause. Ich schließe die Wohnungstür auf, stelle meine Tasche im Flur ab und sehe dich in der Küche an der Bar stehen. Als du mich hörst, drehst du dich zu mir um, zwei Gläser Wein in der Hand. Du trägst ein beigefarbenes, tailliertes Kostüm und lächelst mich an. Ich gehe auf dich zu, nehme ein Glas und fühle, wie glücklich ich bin, weil du die bist, die ich immer wollte. Das Klingen unserer Gläser und der Duft deines Parfüms, als ich dich küsse, durchdringen für einen Moment gespenstisch Raum und Zeit.

Wenn ich dann aufwache, betrachte ich das Leben, das ich führe, um dich zu vergessen. Ich habe geheiratet und Kinder bekommen. Ich habe geliebt, mich getrennt, mich das ein oder andere Mal neu verliebt und jedes Mal gehofft, etwas zu finden, das dem ebenbürtig ist, was wir hatten. Aber ich finde es nicht. Ich suche dich, immer noch: in den Gesichtern der Menschen, die mich umgeben, in den Augen derer, denen ich begegne. Ich suche dein Lächeln, deinen Duft, die Art, wie du deine Arme um mich legst und mich sanft an dich ziehst. Am meist jedoch - suche ich nach einer, die weiß, wer sie ohne dich ist.

Jeden Abend, wenn ich einschlafe, wünsche ich mir neu anzufangen. Ich wünsche mir dir nicht mehr in meiner Küche zu begegnen, nicht mit diesem Lächeln und nicht mit der Aussicht auf ein Leben, das nicht stattfand. Ich wünsche mir dich zu vergessen wie einen Traum.

Ich möchte frei von dir sein. Endlich.

 


© Katja Herrmann (Februar 2018)

 

 

 

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