Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Irrwege

 

„Und? Wer bist du heute?“ Mit einem Knall löst sich der Korken aus der Flasche.

„Nenn mich Natalja“, sagt sie und lacht mich an. Sie greift nach dem Wein und setzt die Flasche an die Lippen. Das Licht der untergehenden Sonne lässt ihr blondes Haar orange schimmern. Heute also Natalja, gut…

Eine Welle schwimmt bis an unsere Zehenspitzen heran. Das Wasser ist kalt. Irritiert ziehe ich die Füße zurück.

„Landei“, sagt Natalja und gibt mir mit ihrer Schulter einen Schubs. Eine angenehme Berührung. Klar, unaufdringlich, unverbindlich. Genau, was ich wollte.

 

Ich lächle und setze meinerseits die Flasche an, trinke und frage mich, wie es sich wohl anfühlt, von ihren schlanken Händen berührt zu werden auf jene eine, ganz andere Art. Ihre Lippen zu küssen, ihren erhitzten Atem auf meiner Haut zu spüren. Sie auf mir, unter mir zu fühlen… So dicht, dass das Vibrieren ihres Herzschlags bis in den letzten Winkel meines Inneren widerhallt. Eine Nähe, die mir den Atem nimmt, die meinen Gleichmut binnen Sekunden zu Staub zerfallen und die Angst in mir, zu verlieren, zu neuem Leben erwecken würde - geboren aus dem innigsten aller Wünsche, sie niemals, nie wieder loszulassen.

Natalja schaut aufs Wasser. Aufkommender Wind zerzaust unser Haar. Was wohl ihre Geschichte ist? Sie spricht nicht darüber und ich frage nicht. Vielleicht, weil es einfach gut ist, wie es zwischen uns ist. Das Kribbeln im Bauch, wann immer ich sie ansehe. Die Art, wie ich mich zu ihr hingezogen fühle, wie ich ihr jedes Wort von Lippen küssen, wie ich sie mit meinem ganzen Wesen will wie noch keine zuvor. Ein unbändiges Verlangen, das mich tagsüber um den Verstand und nachts um den Schlaf bringt. Und dem ich ohne weiteres nachgeben könnte.

Und dann? Was käme dann? Das, was auf irrsinnige Verliebtheit in der Regel folgt? Ansprüche, Forderungen, Alltag? Ein Ziehen und Zerren aneinander in der irrigen Annahme, verändern zu müssen, was ohne Veränderung ausgekommen wäre? Die traurige Ernüchterung über das Sich-Leise-Verabschieden von Gefühlen? Ein Sich-Verpflichtet-Fühlen dem anderen gegenüber, ein Verharren im Unwohl-, im Sich-Selbst-Entfremdet-Sein?

 

Ich trinke noch einen Schluck, spüre die wohlige Wärme des Weines in meinem Körper und reiche Natalja die Flasche. Dann lege ich mich rücklings in den Sand und schließe die Augen, strecke die Füße aus, lausche der Brandung und lasse es zu, dass meine Hosen beim Heranrollen der nächsten Welle völlig durchnässt werden. Diesmal erschrecke ich nicht, sondern fühle der Kälte nach, die kommt und geht und kommt...

Als ich die Augen wieder öffne, liegt Natalja neben mir im Sand, den Kopf auf einen Ellenbogen gestützt und schaut mich an: Halb ernst, halb lächelnd, die Spitzen ihrer Haare berühren meine Wangen. Die Sekunden verstreichen ohne ein einziges Blinzeln, und deutlich kann ich in ihren Augen die Frage lesen, die sie sich stellt. Ihr „Soll ich oder soll ich nicht?“, welche heute ein Stück weit die Ruhe und Gelassenheit, die sie sonst ausstrahlt, überlagert.

 

„Willst du noch einen Schluck?“, fragt sie mich jedoch im nächsten Augenblick und auf einmal ist der Ausdruck in ihren Augen verschwunden. Sie hält mir die Flasche hin und lächelt mich an, wie sie mich immer anlächelt. Ich nicke und trinke, während mein Herz wehtut und ich frierend neben Natalja am Meer sitze.

 

 

© Katja Herrmann (2015)

 

 

 

 

 

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