Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Liebe Du 

 

als ich heute die Gleise entlanglief und die Krähen mich, stillen Wegweisern gleich, aus den hellgrünen Wipfeln der Kastanien beäugten, habe ich an Dich gedacht. An Anna und Christoph, an Träume und gebrochene Versprechen. An Kitty, noch jung und immer auf der Suche nach Weisheit, stets umgeben von einem Hauch kühler Melancholie. An Rosa, die nichts rosafarbenes an sich hatte, aber derart positiv auf uns alle wirkte, dass es eine Freude war, Zeit mit ihr zu verbringen. Für jede von uns, vor allem jedoch für Kitty, deren Sehnsucht nach Dunkelheit zeitweise ins Bodenlose abzudriften drohte.

 

Befremdet betrachte ich mein Spiegelbild und ziehe mit den Fingern die Linie meiner Lippen nach, die Falten unter meinen Augen. Waren wir je so, wie ich uns erinnere? Jung, ahnungslos, verliebt in das Leben, voller guter Ambitionen? Und im selben Augenblick todgeweiht, egozentrisch, zerstörerisch. Als gäbe es weder Raum noch Zeit, kein Älter-Werden und Wunden, die nie verheilen. Und wenn ja, waren wir nicht dennoch gut, wie wir waren? Waren die Wege, die wir gingen nicht genau die, die uns mehr ausmachten als alles andere?

 

Anna hat aufgehört zu existieren, seit niemand ihre Geschichte weiterschrieb. Das ließe sich ändern. Aber wollen wir das? Möchte sie es? Anna war eine von uns, sie gehörte zur Familie. Christoph hat nie wirklich existiert, ihm war sein Platz ausschließlich um des Räumens Willen zugewiesen worden. Auch Kitty hat aufgehört zu existieren, denn Kitty war irgendwann erwachsen geworden und Namen wie diesem spätestens entwachsen, seit ins Bodenlose driftende Melancholie von einem ausgefüllten und meist glücklichen Leben abgelöst wurde. Und Rosa? Auch Rosa ist fort. Wo Menschen wie Anna und Kitty nicht sind, braucht es keine Rosa. So einfach ist das.

 

Und doch... Gibt es jene Nächte, in denen ich vom Wispern alter Stimmen wach werde, in denen ich in völliger Dunkelheit liege und neben dem Schlagen meines Herzens versuche zu erlauschen, worüber sie reden. In denen ich aufstehe und barfuß, wie in früher, zur Wohnzimmertür schleiche, um besser zu hören, mehr zu verstehen...

 

Geht es Dir auch so, liebe Du? Kannst Du uns noch sehen, oder sind wir schon fort?

 


© Katja Herrmann (2015)

 

 

 

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