Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Krähen tragen Blau

(Kurzgeschichte)

 

Anna läuft die Bahnschienen entlang. Ihre Sohlen klappern auf den spitzen Steinen, die zu beiden Seiten der Gleise aufgeschüttet sind. Die Mittagssonne brennt vom Himmel und macht die Luft flimmerig. Es ist heiß und trocken, die Welt wie ausgestorben. Nur einige Krähen machen sich hin und wieder mit kurzem Krächzen bemerkbar, während sie ihren Ruheplatz auf einer der alten Eichen, die die Fahrtstrecke säumen, wechseln. Ansonsten ist es still.

 

Die schlanke Gestalt in dem kurzen blauen Kleid, mit Holzpantinen an den Füßen und einer kleinen braunen Tasche am Arm, bewegt sich langsam und gedankenverloren über den Schotter hinweg. Die schwarzen Haare hochgesteckt, hängen ihr einige Strähnen ins Gesicht. Sie mochte vielleicht Ende dreißig oder Anfang vierzig sein, ihr schönes Gesicht entspannt und ausdruckslos. Als von Ferne ein Zug sein Warnsignal ertönen lässt, biegt sie in eine schmale Gasse Richtung Stadt, Richtung Zuhause.

 

Den Weg die Gleise entlang wählt Anna häufig, um nachzudenken und allein zu sein, obwohl er länger ist, als der die Hauptstraße hinunter, direkt vom Restaurant nach Hause. Anna arbeitet dort als Kellnerin, ein Stück außerhalb der Stadt, in der sie wohnt. Die Stadt, in der sie wohnt, geheiratet hat, in der sie niemanden kennt. Arbeiten heißt für Anna, jeden Morgen, außer an den Wochenenden, gegen fünf Uhr aufzustehen, um den Arbeitern der umliegenden Fabriken ab sieben Uhr ihr Frühstück zu servieren. Dafür hat Anna regelmäßig jeden Tag früh Feierabend, gewöhnlich um ein Uhr, heute bereits zwei Stunden früher, da Inventur und sie dieses Mal nicht dazu eingeteilt ist. Die Arbeit macht ihr Spaß, auch wenn sie dabei wenig verdient. Die Leute sind nett und mögen Anna, die so schön ist und so wenig passt an diesen Ort. Mit Bedauern denkt Anna an ihre Kolleginnen, denen jetzt keine Zeit zum Ausruhen bleibt.

 

Anna hält einen Augenblick inne und sieht zum Himmel empor. Er ist dunkelblau, einige Wölkchen Richtung Osten. Ab und zu wieder eine Krähe, oder eine Dohle? Es können auch Dohlen sein. Sie war nie in der Lage gewesen, das zu unterscheiden. Das ärgert sie. Ich werde es nachlesen, denkt Anna und weiß, dass sie es nie tun wird.

 

Zu Hause angekommen, ist alles wie immer. Zuerst das Aufschließen der Tür. Mit einem knackenden Geräusch dreht sich der Schlüssel im Schloss. Kurz wirft Anna einen Blick ins Haus, der Gang zum Briefkasten folgt. Rechnungen, Rechnungen und kein Brief von Eva. Sie hätte auch zuerst die Post holen können, vor dem Aufschließen der Tür. Aber warum. Reihenfolge machte keinen Unterschied in der Trostlosigkeit ihres behüteten Daseins. Zurück im Haus bleibt sie in der Eingangshalle stehen. Gleichgültig streift ihr Blick über den Luxus, der sich ihren Augen bietet. Marmorfußböden, kristallene Leuchter, Orientteppiche, ein jeder mehrere tausend Dollar wert. Davon hatte sie schon als Kind geträumt.

 

Sie geht durch die Räume. Ziellos. Zu tun gibt es nichts. Das Hausmädchen leistet gute Arbeit für sehr gute Bezahlung. Auch die zweite Etage bietet keine Abwechslung. Gleich der ersten ist alles tadellos aufgeräumt. So unterlässt sie es, ins Dachgeschoss hinauf zu steigen, in der Gewissheit, auch dort alles unverändert zu finden, wie all die Jahre.

 

Prüfend steht Anna vor der verspiegelten Wand des Salons. Und da ist er: Ein Fleck. Sehr klein, aber trotzdem da. Sie geht hinunter in die Küche, sucht Spülmittel, einen Lappen, kann anfangs beides nicht finden, hat nach einigen Minuten doch Erfolg. Zurückgekehrt ins Mittelgeschoss, besieht sie sich den Fleck erneut. Ein Fingerabdruck, der des Mädchens. Sie wischt ihn weg.

 

So ist alles wie immer. Anna sitzt vor dem Spiegel. Klein im Verhältnis zu dem großen Raum. Sie sitzt und denkt nichts. Sitzt nur da, schaut in den Spiegel und betrachtet die Person, die sich ihr zeigt: Eine Frau Anfang vierzig, das schwarze Haar lässig hochgesteckt, einige Strähnen, die sich trotzig gegen die Gefangenschaft wehren. Sie betrachtet ihre roten Lippen, deren perfekten Schwung, der die Mundwinkel leicht nach oben wölbt, ihre blauen Augen, das azurblaue Kleid. Ein, zwei Fältchen um die Augen. Sie weiß nicht, ob sie sich schön findet, alle Menschen finden Anna schön. Nichts zu tun, denkt sie, alles perfekt. Nicht mal zum Frisör. Locken bleiben Locken, sehen gut aus. Immer. Schon seit Jahren. Reiche Menschen sind schöner, denkt Anna gleichgültig. Sie dreht sich zur Seite, besieht sich ihr Profil. Etwas weniger Bauch vielleicht? Wozu. Sie zieht das Kleid aus, löst ihr Haar. Wieder betrachtet sie das Bild im Spiegel. Sie entledigt sich auch der restlichen Kleidungsstücke, lässt diese auf dem Weg ins Schlafzimmer auf den Boden fallen und sich rücklings auf das riesige weiche Bett.

 

Anna und Christoph hatten es in der Schweiz anfertigen lassen während ihrer Hochzeitsreise. Ein Unikat. Das kunstvoll gearbeitete Fresko an der Zimmerdecke fängt Annas Blick ein, doch nicht wirklich. Ihre Augen sehen weit hinaus über das, was dort oben von talentierten, ihr unbekannten Künstlern mit zarten Wasserfarben in Gips gemalt ist, in eine Zeit, die schon weit zurückliegt...

 

Als Anna Christoph kennen lernte, war sie gerade neunzehn Jahre alt. Sie selbst hatte sich immer für beziehungsunfähig gehalten und nicht vorgehabt zu heiraten. Ihre Freundschaften waren von regelmäßig kurzer Dauer. Zwar gab es zwei Menschen, die ihr besonders am Herzen gelegen hatten, doch war es ihr nicht gelungen, ihr Glück festzuhalten. Außerdem gab es immer jenes instinktive Gefühl, das ihr half, sich für oder gegen jemanden zu entscheiden. In Christophs Gesellschaft fühlte sie sich wohl, langweilte sich ein wenig, wusste jedoch sonst nichts gegen ihn zu sagen. Er war sehr attraktiv, ehrgeizig, nett und zuvorkommend. Was fehlte, war das gewisse Etwas, war die Liebe, die sich nicht einstellen wollte, wie so oft. Aber er war für sie da, wann immer sie ihn brauchte. So hörte Anna nicht auf die laut klingenden Zweifel in ihrem Inneren und ihre Bekanntschaft zog sich dahin. Anna hatte beschlossen, sie im Sande verlaufen zu lassen. Als sie im fünften Monat schwanger war, war es zu spät. Sie heirateten, freuten sich auf das Baby und waren glücklich über eine Erbschaft, die ihnen zuteil wurde. Sie feierten Christophs erfolgreichen Einstieg ins Erdölgeschäft, kauften dieses riesige, luxuriöse Haus und setzten Erfolg und Wohlstand mit Liebe gleich. Soweit es Anna betraf, war Christoph der beste Freund, den sie je hatte. Sie freute sich mit ihm, wenn er Erfolge zu feiern hatte. Sie machte ihm Mut, wenn er befürchtete, eines der Ziele, die er sich immer wieder neu setzte, nicht zu erreichen. Er war erfolgreich. Jedes Mal. Und dann war da noch Eva. Sie zogen sie auf. Gemeinsam. Achtzehn Jahre lang. Eva war die Liebe ihres Lebens. Der Ersatz für die Liebe, die ihnen beiden fehlte. Auf einmal dann, war Eva aus dem Haus, fort von einem Tag zum anderen. "Mutter, Vater, ich gehe nach Europa." Eine Woche später war sie weg.

 

Im Allgemeinen konnte man sagen, Christoph arbeitete für den Luxus seines und ihres Lebens, oder besser: Er ließ inzwischen für sich arbeiten. Seine Frau sollte nicht arbeiten müssen, und auch für die Bewirtschaftung des Hauses gab es Angestellte. Putzfrau, Gärtner, Lebensmittelservice, überbezahlt. Anna ging trotzdem arbeiten, in jenem kleinen Restaurant außerhalb der Stadt. Christoph versuchte, ihr diese Idee auszureden. Er kaufte ein Wochenendgrundstück, ließ ein Haus darauf errichten. Er kaufte Anna einen neuen Wagen, neue Kleider. Er kaufte Anna. Diese arbeitete weiter in dem Restaurant und irgendwann gab Christoph auf. Zeitlich sehr eingespannt, war ihm gleich, was seine Frau während seiner Abwesenheit tat, solange es ihr gut ging.

 

Drei Monate waren seit Evas Abreise vergangen und sie hatte sich noch immer nicht gemeldet. Nur ein kurzer Anruf hatte ihnen versichert, dass es ihr gut ging. Eva hinterließ eine Lücke in Annas Leben, die durch nichts zu schließen war. Der wichtigste Teil ihres Lebens fehlte. Jener, der ihr eine Aufgabe gegeben hatte während all der geruhsamen und eintönigen Jahre mit Christoph.

 

Aus der Vergangenheit kehrt Annas Bewusstsein in die Gegenwart zurück. Sie denkt an Eva, an Europa und die Bahngleise. Dann fallen ihr die Augen zu, und sie versinkt in einen unruhigen Schlaf.

 

Als sie wieder erwacht, ist es bereits dunkel. Sie Nacht lauert draußen vor dem Fenster, wartend, dass jemand ihr Einlass gewährt. Anna schaut in die Finsternis. Wartet. Wartet auf etwas, das nicht kommt, fragt sich, auf was. Aber nur kurz, damit auch diese Frage unbeantwortet bleibt. Noch immer ist Anna nackt und es fröstelt sie. Schnell schlüpft sie unter die Decke, auf der Suche nach Wärme und Geborgenheit. Sie denkt an Eva. Warum war sie gegangen? Ein merkwürdiges Gefühl macht sich in ihrer Magengegend bemerkbar. Sie denkt an grüne Wiesen, Möwen, die ihre Kreise über dem Wasser ziehen, an das Rauschen des Meeres, den seichten Wind an der Küste. Ein bedrückendes Gefühl der Sehnsucht beschleicht sie. Sehnsucht nach ihrem Zuhause, ihren Eltern, ihrer Kindheit.

 

Gegen elf hört Anna im Erdgeschoss das Türschloss knacken. Es ist Christoph. Sie lauscht den ihr so vertrauten Schritten, schließt die Augen, vernimmt, wie er routiniert seinen Aktenkoffer auf die linke Seite der sich zu beiden Seiten des Eingangsbereichs erstreckenden Anrichten stellt. Danach verschließt er die Tür, zweimal, hängt seinen Mantel auf den roten Kleiderbügel, geht langsam die Treppe zum Schlafzimmer hinauf, steht fünf Sekunden in der Tür, hockt sich bald neben Anna ans Bett, um sie zu begrüßen, ihr Bericht zu erstatten. Merkt, dass sie - wie so oft - schon eingeschlafen ist, entschuldigt sich mit leiser Stimme, streicht ihr sanft über das Haar, um sich dann mit beruhigtem Gewissen neben sie zu legen und einzuschlafen. Doch noch während Anna Christophs leisen Bewegungen lauscht, ist sie eingeschlafen.

 

Sich wohlig im Bett räkelnd, die Mittagssonne im Gesicht, tastet Anna nach Christoph und stellt erschrocken fest, dass das Bett neben ihr leer ist. Es ist bereits nach elf und Christoph lange fort. Sie hatte verschlafen! Zum Arbeiten war es inzwischen ohnehin zu spät. Kurz entschlossen schlüpft Anna in ein gelbes Seidenkleid, nimmt die Handtasche und ihre Schuhe, greift im Vorbeigehen nach einem Haarband und einem Apfel aus der Schale in der Eingangshalle und lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen.

 

Draußen ist es heiß. Die Sonne steht hoch am Himmel und einige Krähen oder Dohlen - egal - flattern aufgeregt in den Zweigen der alten Esche vor dem Haus. Wenig später klappern Schuhe vertraut über die Steine neben den Gleisen, irgendwo in den Eichen- und Kastanienblättern zwitschern Vögel. Von Ferne kündigt sich ein Zug an, kommt näher und bremst. Passagiere schauen aus den Fenstern. Da ist ein Mann, der ihr winkt, und ein Mädchen, das aussieht wie - Eva! Aufgeregt rennt Anna auf den Zug zu, schlüpft hinein durch eine der Türen und - das Mädchen ist nicht ihre Tochter. Der freundliche Mann steht mit seinen Koffern an einem der Fenster auf dem Gang vor den überfüllten Zugabteilen und lacht Anna an, die verwirrt im flatternden Kleid in der Tür steht. Sie könnte über die Koffer steigen, an ihm vorbei zum Ausstieg, ist sich aber nicht sicher, ob sie das möchte. Unentschlossen lehnt auch sie sich an eines der großen Fenster und schaut hinaus. Mit einem Ruck setzt sich der Zug in Bewegung. Die Landschaft beginnt vorbei zu ziehen, erst langsam, dann immer schneller, bis der Zug in voller Fahrt ist. Ein leichter Wind bläst Anna ins Gesicht. Die Sonne zaubert in das Grün des Sommers ein Gefühl von Glück und die Sehnsucht nach Freiheit. Verzückt lächelt Anna und schließt die Augen. Träumend, den weichen Fahrtwind auf ihrer Haut spürend, fühlt sie, wie das gleichmäßige Schaukeln des Zuges sie schläfrig macht. Plötzlich berührt etwas sanft ihren Arm. "Entschuldigen Sie bitte, dürfte ich Ihnen einen Platz im Abteil anbieten?" Der junge Mann von vorhin, der inzwischen eine Sitzgelegenheit gefunden hatte, bietet ihr seinen Platz an. Dankend lehnt Anna ab. Enttäuschung macht sich auf dem Gesicht des Fremden bemerkbar. "Aber Sie können mich zu einer Tasse Kaffee einladen." Anna zwinkert und ihr Blick sucht irritiert das Fenster. Mit einem strahlenden Lächeln entführt der Fremde sie in das Zugrestaurant. Anna genießt bald die ihr entgegen gebrachte Aufmerksamkeit, seine Neugierde ihre Person betreffend und seine Aufregung. Er ist Maler von Beruf, reist umher, sieht sich die Welt an und arbeitet hier und da ein wenig, um sich das Nötigste zum Leben und für die Ausübung seines Berufes - seiner Berufung - zu verdienen. Er ist von einfacher Natur, das gefällt Anna. Auch ist er ein aufmerksamer Zuhörer. Sie erzählt von ihrem Leben. Er versteht sie. Sie erzählt ihm ihre Geschichte, erzählt vielleicht zum ersten Mal überhaupt jemandem über sich, fragt sich noch, warum, und ist erstaunt über die Worte, die sie nie zuvor gesprochen hat. Über die Erkenntnis, die plötzlich da ist, die schon immer da war, nur nie ans Licht durfte. Auf einmal scheint sie zu wissen, warum ihre Welt so leer ist, ihr Kopf auch leer - alles leer seit Jahren und noch viel leerer ihr Herz. Der Fremde macht Komplimente, bewundert ihr Schönheit. Anna wünscht sich, dass dieser Tag niemals endet. Ein Hauch von Magie scheint ihre beiden doch so verschiedenen Seelen zu verbinden. Anna denkt nicht an Christoph. Für sie zählt allein der Augenblick. Sie beschließt, nicht mehr zurückzugehen. Denkt, bei dem Fremden bleiben ist schön, ist richtig. Glücklich sein, noch einmal von vorn anfangen, ganz woanders, ganz weit weg. Natürlich ist er weit jünger als sie, doch was spielt das Alter für eine Rolle? Liebe ist etwas Kostbares. Sie führt Herzen zueinander, macht, dass Menschen glücklich sind. Ob Anna wirklich ihr Leben, all ihren Luxus aufgeben wolle, für ihn, fragt der Fremde. Enthusiastisch bejaht Anna seine Frage, nimmt dessen Hände in die ihren. Der Azur ihres Ringes an der rechten Hand funkelt im gedämpften Licht der Restaurantbeleuchtung. Sie lächelt. Sieht den Ring nicht an und doch ist da etwas in ihr, das fragt, ob das, was sie tut, das Richtige ist. Ihr geht es mit Christoph nicht schlecht. Was fehlt, ist nur die Liebe. Was fehlt, ist ein Gefühl an sich. Nichts fühlen ist ein seltsamer Zustand... Sie könnte wirklich fortgehen mit dem Fremden. Gibt es Garantien im Leben, würde es funktionieren? Die Zugglocke kündigt die nächste Haltestelle an. Wieder blickt Anna in die Augen des Geliebten, sieht sein strahlendes Lachen, seine braunen Augen, sein dunkles Haar. Er hat ein Grübchen auf der linken Wange, wenn er lacht. Die Glocke läutet noch immer. Hört nicht auf und klingelt und klingelt und allmählich verwandelt sich der Klang der Zugglocke in den Klang einer Türklingel...

 

Aus dem Schlaf schreckt Anna hoch, überrascht, sich in ihrem Schlafzimmer wieder zu finden. Allein in dem großen Bett. Das Sonnenlicht taucht den Raum in einen goldenen Schimmer. Wie betäubt vor Überraschung richtet sich Anna auf. Wieder ertönt die Türklingel. Es ist Samstag und kurz vor zwei Uhr. Sie springt aus dem Bett und ist mit wenigen Schritten am Fenster. Schon durch die Gardinen kann sie ihre Nachbarin winken sehen. Ob sie heute Nachmittag mit nach Kennburn kommen wolle, Einkäufe machen, spazieren gehen. Anna weiß nicht, warum sie zusagt. Dann schließt sie das Fenster, zieht ihren Morgenmantel über. Langsam geht Anna hinunter in die Küche. Obwohl das Hausmädchen frei hat, ist alles tadellos sauber. Trotzdem ist heute etwas anders. Blumen stehen auf dem Tisch. Blumen und daneben eine Nachricht von Christoph. ‚Bin heute früher daheim.' Ein müdes Lächeln überfliegt Annas Gesicht. Ein bunter Strauß voll guter Vorsätze. Sie setzt Kaffee auf. Danach geht sie zum Briefkasten. Mit derselben Routine wie jeden Tag entnimmt sie ihm eine Handvoll Briefe. Wie üblich Rechnungen und - ein Brief mit handgeschriebener Adresse - Eva! Mit zitternden Fingern reißt Anna das rosa Kuvert auf, zieht den kleinen Briefbogen heraus und liest die wenigen, von ihr so ersehnten Zeilen. Mom, Dad, ich komme nach Hause. Um euch zu besuchen. Es tut mir leid, euch nicht geschrieben zu haben. Ich freue mich so, euch wiederzusehen. In Liebe, Eva.

 

Ein Jauchzer entfliegt Annas Geist. Glücklich und mit klopfendem Herzen steht sie einige Minuten im Garten vor ihrem Haus, liest erneut Evas Zeilen. Sie blickt zum Himmel empor, sieht die ihr vertrauten Krähen ihre Runden ziehen. Bestimmt sind es dieselben wie am vorherigen Tag. Es sind immer dieselben. Treue Seelen in schwarzem Federkleid. Nur eine, vielleicht etwas heller als die anderen, etwas bläulich, fällt ihr auf. Unsinn, denkt Anna und hüpft vergnügt die Treppen zur Tür hinauf, den Brief von Eva fest in der Hand.

 

Als sie später in der Küche steht, Kaffee schlürft und vom Fenster aus die Vögel betrachtend, denkt sie noch einmal an den fremden jungen Mann und an ihre Gedanken während der Zugfahrt. Wer flüchtet schon aus dem Paradies? Dann freut sich Anna auf den Nachmittag mit ihrer Nachbarin, den Abend mit Christoph und das Wiedersehen mit Eva.

 

 

© Katja Herrmann (1995)

(korrigiert aufgrund Veröffentlichung in 2006)

 

 

 

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