Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Halb.ton

 

Mit einem Zirren kündigst du dich an, tief in Brust und Bauch, mehr ein Vibrieren des Innern als das Rauschen von Blut in den Schläfen; so spürte ich dich, bevor ich dich sah.

Sag, träumst du noch den alten Traum,
dem wir als Kinder in die Nächte folgten?
Gibst du noch jenem Flüstern Raum,
an das wir uns verlieren wollten?


Wir haben geflüstert, wenn überhaupt, wir brauchten das Schweigen mehr als das Wort. Haben ganz leise geatmet, im Einklang unserer Pulsschläge die Sekunden gezählt, vor und zurück, immer wieder, ohne je irgendwo anzukommen, ohne irgendwohin zu wollen.

Bist du dieselbe noch, die ich einst kannte,
für die das Licht ich mied,
an deren Schmerz ich mich verbrannte,
die tiefe Wunden liebt?


Wir haben Wärme auf Hände geküsst, die nichts berührten außer einander, sobald Dunkelheit jede Notwendigkeit nahm, sich zu verstellen. Wir lebten die Lüge, blieben, was wir waren, im steten Werden dessen, was wir nicht sind. Und manchmal lachten wir, weißt du noch? Ungekonnt, weil es sich im Hellen nicht übte, weil wir im Hellen nicht sahen, auch den Weg nicht, in den sich unsere Spuren kerbten und jeder nicht unternommene Versuch, sich voneinander zu verabschieden.

Sag, liegst du noch in Stille?
Verharrst du leis an dunklem Ort?
Oder bist du lange fort?


Dein Schweigen ist dichter geworden zu Lasten der Wärme, die uns vereint, will ich meinen, beinahe, und weiß es doch kaum und dich dennoch wie einst, als unsere Gedanken den jeweils anderen im Tiefflug mit ihren Schwingen berührten, immer auf die Gefahr hin, sich den Hals zu brechen.

Singst du das Lied noch?
Halbtonmelodie?


Es fällt kein Uns aus dem Wir, dein Eis beschlägt meine Lider, haucht Blume für Blume auf Lippen, die stumm einen Schrei formend erstarren:

 

Wo-du-nicht-bist-kann-ich-nicht-sein ---------------------

 

 

© Katja Herrmann (2007)

 

 

 

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