Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Die Schattenseiten des Lebens

Immer öfter stehe ich morgens vor dem Spiegel und spüre ein Ungleichgewicht zwischen dem, was ich bin und dem, was ich empfinde. Es beginnt ganz plötzlich. Die Zeit scheint zwischen zwei Sekunden stillzustehen: Ich kämme schwarzes Haar... Weich fließt es über mein Dekollete... Ich schaue mir in die Augen... Grün, strahlend, von dichten Wimpern umsäumt... Am Rand bemerke ich helle, ebenmäßige Haut... Jugendlich, unverbraucht... Ich schaue mich mir an, durch meine Augen, mit dem Blick einer Fremden - und erkenne mich nicht. Diese Fremde ist sehr alt. Und müde. Eine Müdigkeit, die meinem Alter unangemessen ist.

Gefühle, millionenfach gefühlt. Gedanken, tausendfach gedacht. Worte, hundertfach gebraucht. Fehler gemacht, auf die niemals eine Absolution folgt. Geliebte Menschen fortgehen sehen. Menschen leiden, erkranken und sterben sehen. Trennungen, Schmerz, Verzicht... Und immer wieder kämpfen, weil Liegenbleiben und Zerbrechen eben keine gute Option für die Zukunft ist. Wie lange wird das so weitergehen? Noch vierzig Jahre? Sechzig? Hunderte von Jahren? Und wie lange geht das schon so? Ist das Gewicht, das auf mir lastet tatsächlich eines, das 39 Jahre gewachsen ist oder um ein Vielfaches länger?

Ich sitze im Büro und stütze den Kopf in die Hände. Meine Lider sind schwer und meine Augen schmerzen. Ich habe keine Kraft mehr. Und kämpfen mag ich auch nicht länger. Ich möchte anhalten und aufgeben. Ich will mich hinlegen und schlafen - schlafen und nie wieder aufwachen. Aber vielleicht stimmt das alles ja gar nicht und ich bin einfach nur Ich: zu dünnhäutig, zu emotional durchlässig und einer Zeit, wo eine Horrormeldung die nächste jagt, nicht gewachsen. Wenn das so weiter geht, kriege ich Depressionen.

Und dann…

Kommt ganz unerwartet meine Lieblingskollegin aus dem ersten Stock in mein Büro und gibt mir 2 Scheiben von dem Brot ab, das sie am Samstag, nach einem zweiwöchigen Urlaub auf meiner Lieblingsinsel, noch kurz vor ihrer Abreise gekauft hat. Als ich die Tüte öffne, in die das Brot eingepackt ist, entströmt ihr augenblicklich ein lange vermisster, ein sagenhaft guter und vertrauter Duft. Er erinnert mich an meine Jugend, an Urlaube am Meer, an unvergessliche Abende bei Kerzenschein mit alten Freunden... Mein Herz macht einen Sprung. Wie lange das her ist! Und wie schön das war! Gutes kann so einfach sein und Glück von einer Sekunde zur anderen so hautnah und überwältigend spürbar, dass ich den Atem anhalte und vor Freude in Tränen ausbrechen möchte.

Aber reicht das? Wie viel Licht braucht es, um das Dunkel zu erhellen? Entspricht das Gute dem Licht einer Kerze oder dem eines Flutlichtstrahlers? Und ist die Dunkelheit eher ein Schatten oder vernichtende Leere? Sind gar wir es, die darüber entscheiden, indem wir dem Einen wie dem Anderen Gestalt geben? Und wenn ja, um welchen Preis? Fragen, auf die ich dieser Tage keine Antworten habe.

Wenn meine Tochter Kummer hat, nehme ich sie in den Arm und versichere ihr, dass ich für sie da sein werde, egal, was geschieht. Ich frage sie, womit ich ihr eine Freude machen kann. Heute sagte sie: Ich will Trauben! Mit leuchtenden Augen nahm sie kurz darauf den kleinen Teller, den ich ihr reichte, in Empfang.
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Ih wünschte, Weintrauben würden ebenso gegen meine Geister helfen.


© Katja Herrmann (2016)

 

 

 

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