Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Das blaue Band

(Kurzgeschichte)

 

Heb die Puppe auf! Simon, heb die Puppe auf. Nel, heb deine Schwester auf.
Simon rührt sich nicht.
Wenn du dein Spielzeug nicht aufhebst, bekommt May den ganzen Brei.
Simon hebt die Puppe nicht auf.
Nel sitzt ebenfalls reglos.
Simon, Nel, ihr seid unartig, ihr Kleinen.
Spielzeug, das man nicht mehr braucht, muss weggeräumt werden. Das ist etwas, das man von Vierjährigen erwarten kann. May ist erst eins, auch sie wird es noch lernen.
Simon guckt stur geradeaus.
Nel guckt stur geradeaus.
Ich sage euch das, Kinder, weil ich eure Mutter bin. Ich bin für eure Erziehung verantwortlich. Der liebe Gott im Himmel gibt acht, dass ich aus euch ordentliche Menschen mache. Da hilft aller Starrsinn nichts. Die Spielsachen werden aufgeräumt.
Unmut erzeugendes Schweigen.
Warum hört ihr nicht auf mich? Habt ihr es nicht gut? Sorge ich mich nicht um euch? Warum muss ich euch immer alles hundertmal sagen?
Schweigen. Bockiges Schweigen bockiger Kinder.
Na gut. Die Mutter nimmt die Puppe bei den Haaren und den Teller mit dem Brei und beginnt sie zu füttern. May glotzt vor sich hin. Simon und Nel tun es ihr gleich.
Mach den Mund auf, May, befielt die Mutter in strengem Ton.
Und ihr, Simon, Nel, esst endlich eure Teller leer, bevor das Essen kalt wird. Ich will es euch nicht verbieten. Aber über das Aufräumen sprechen wir noch.
Zufrieden, ob ihrer Geduld und Nachsicht, fuchtelt die Mutter mit dem Löffel vor Mays Gesicht herum. Nun mach schon den Mund auf, May, jeden Tag dasselbe Theater. Verschworene Stille.
Es nützt euch gar nichts, wenn ihr mich mit Missachtung straft. Wer nicht isst, geht hungrig zu Bett.
Mit einer Serviette wischt die Mutter den Kindern über die verschmierten Gesichter und räumt wütend die Teller ab. Als sie aus der Küche zurückkommt, noch immer keine Einsicht.
Wisst ihr, euch geht es viel zu gut. Jeden Tag dieses Nicht Aufräumen, Nicht Essen, Nicht Sprechen wollen. Und jetzt wird geschlafen. Zur Strafe gibt es heute keine Gute-Nacht-Geschichte.

Und noch etwas – vorwurfsvoll schaut die Mutter in die Runde - morgen wird gebadet, da könnt ihr schweigen, solange ihr wollt. Morgen wird gebadet. Ihr alle drei kommt ins Wasser. Dieser Gestank, dieser furchtbare Gestank.... Kaum auszuhalten. Habt ihr gehört? Simon, Nel, May?

Die Mutter nimmt die Puppen bei Haaren und Kleidern und legt sie in die Truhe unter dem Fenster. So war wenigstens der Gestank zu ertragen. Sie waren leichter geworden während der letzten Monate, stellt die Mutter erstaunt fest. Kein Wunder, wenn sie nicht aßen. Dafür rochen sie umso mehr. Ja, morgen würde Badetag sein. Ein zufriedenes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Schlaft schön, meine Kleinen. Möge Gott euch behüten in sanftem Schlummer und euch das blaue Band seliger Träume schicken.

 

 

© Katja Herrmann (2007)

 

 

 

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