Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

SPUREN VON ROT

Katja Herrmann

 

Auszug aus Teil 2, Kapitel 3

 

 

Januar

 

 

Als ich am nächsten Tag erwachte, war es weit nach Mittag und sie nicht da. Neben einem dröhnenden Schmerz in meinem Hinterkopf stellte ich fest, dass ich mich an nahezu nichts des vergangenen Abends erinnerte und gewöhnlich war mir morgens weder schlecht noch schwindelig, wenn ich abends zuvor getrunken hatte.

Ich stand auf, ging durch das Haus und mein Blick fiel, nachdem ich ihre Notiz auf dem Tisch für mich gelesen hatte, auf die Whiskyflasche. Mich überkam eine Ahnung, die ich zugleich als lächerlich abtat. Dennoch öffnete ich die Flasche und roch daran, konnte aber nichts Ungewöhnliches feststellen. Um sicher zu gehen, schenkte ich mir ein volles Glas ein und trank es aus. In die Uni würde ich heute ohnehin nicht mehr gehen. Der Whisky schmeckte eindeutig bitter. Zuerst setzte die Wirkung des Alkohols ein, die mir gut bekannt war, sodass ich beinahe glaubte, mich geirrt zu haben. Eine Stunde später jeoch, spürte ich latent noch etwas anderes, das ich nicht definieren konnte. Etwas, das unsagbar gleichgültig machte und müde. Also legte ich mich hin und schlief bis zum Abend. Wieder hatte ich nach dem Aufwachen Probleme mich zu erinnern. Wütend und leicht benebelt ging ich in die Küche, wo sie das Abendessen zubereitete.

„Was hast du mir gestern Abend gegeben?“, fuhr ich sie an.
Sie sah mit großen Augen auf. „Bitte?“

Ich setzte nach. „Du weißt, wovon ich rede. Also? Was war in dem Drink, Helena?“

Sie legte das Messer, mit dem sie soeben noch Salat geschnitten hatte, beiseite, lehnte sich dem Rücken gegen die Spüle und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Du hast immer mit irgendetwas ein Problem, oder?“ Sie angelte mit der Hand nach dem Whisky. „Auch einen?“ Der zynische Unterton in ihrer Stimme war unverkennbar.

„Miststück!“, flüsterte ich. Blitzschnell griff ich nach der Tasse, die neben mir auf dem Tisch stand, holte aus und zielte nach ihr.

Helena wich dem Geschoss mit einer Seitwärtsbewegung aus und das Porzellan zersplitterte mit einem lauten Knall an der Wand direkt neben ihrem Kopf.

Ich nutzte die Gunst der Stunde und stürzte mich auf sie, unsicher, was ich eigentlich mit ihr anstellen wollte.

Doch ich hatte mein Gegenüber unterschätzt. Mit wenigen Handgriffen legte sie mich auf den Rücken, fasste mich bei den Handgelenken und hielt mich am Boden.

Ich zappelte und merkte, wie mich meine Kräfte verließen, was mit Sicherheit ihrem Gebräu zuzuschreiben war. Mein Versuch, sie loszuwerden, schlug fehl.

„Auf diese Art Spielchen stehe ich besonders“, grinste sie.
„Was hast du mir gestern in den Drink getan, du Hexe?“, zischte ich sie an, während sie mich festhielt.

Sie schwieg und ich versuchte erneut erfolglos, sie von mir zu schubsen.
„Wer weiß?“ Sie küsste mich auf die Lippen.

Erschrocken starrte ich sie an und wollte es nicht glauben. Sie hatte mir Drogen gegeben! Was für ein Zeug, würde ich wahrscheinlich nie erfahren. Ich hörte auf, mich zu wehren. Tränen stiegen mir in die Augen und etwas in Helenas Blick veränderte sich.

„Kann ich dich loslassen?“, fragte sie mich.
Ich starrte sie an.

Keine Regung. Ihr Griff umschloss meine Handgelenke wie Handschellen. Morgen würde ich dort blaue Flecken haben. Ich nickte unterwürfig und schloss die Augen.
In dem Moment aber, da sie mich losließ, ging ich noch einmal auf sie los. Und dieses Mal erwischte ich sie. Ich schubste sie mit soviel Kraft, wie ich in er Lage war, aufzubringen, und auf die Gefahr hin sie ernsthaft zu verletzen, sodass sie rücklings auf den Fußboden knallte.
Dann packte ich sie bei ihren Haaren. „Hör mir gut zu, das ist das erste und letzte Mal, dass du so etwas tust..."
„Sonst was?“, flüsterte sie herausfordernd.

Mein Puls raste.

Sie versuchte nicht einmal, sich zu wehren, lag nur da, ihr blondes Haar wie die Strahlen einer Sonne auf den Fliesen ausgebreitet.

 

Wortlos ließ ich von ihr ab und stand auf. Mich betont beherrscht gebend, suchte ich meine Sachen zusammen, während sie am Tresen zur Küche lehnte und mir dabei zusah, wie ich alles, was mir gehörte, einpackte.

„Es tut mir Leid“, log sie irgendwann. Die Selbstgefälligkeit in ihrer Stimme tat weh.
Ich drehte mich zu ihr um. „Ist das so, ja? Oder brauchst du mich noch fürs Bett?“

Sie kam auf mich zu und versuchte mich anzufassen.
Abwehrend hob ich die Hände. Der Gedanke, von ihr berührt zu werden, rief Übelkeit in mir hervor.

 

Und dann tat ich das, was ich schon längst hätte tun sollen: Ich drehte mich um und ging. Ich lief auf die Straße hinaus und lief und lief: hinunter zum Wasser, am Ufer des Flusses entlang und ein gutes Stück aus der Stadt hinaus, bis die Schmerzen, die meine Eingeweide zu zerfressen drohten, mich zwangen anzuhalten.

 

 

 

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