Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

SPUREN VON ROT

Katja Herrmann

 

Auszug aus Teil 1, Kapitel 4

 

 

Mai

 

 

Wie jedes Jahr war der Mai wie das Erwachen der Welt aus dem Winterschlaf. Alles um mich herum vibrierte förmlich vor Lebendigkeit. Das Laub der Bäume war von einem hellen, saftigen Grün und die Büsche waren voller praller, duftendender Blüten, wohin ich auch sah. Wie lange ich darauf gewartet hatte!

 

An einem Dienstagmorgen, das zweite Semester hatte wenige Tage zuvor begonnen, war ich, wie so oft, spät dran. Ich hatte verschlafen und üble Kopfschmerzen - eine unliebsame Nachwirkung der Drinks vom vergangenen Abend. Ein Blick auf die Uhr ließ meine Frustration anwachsen. Sollte ich mir die abfälligen Kommentare bezüglich meines Zuspätkommens seitens Prof. Staetten wirklich antun? Dieser hatte mich ohnehin im Visir, da sich Vorkomnisse wie dieses leider häuften. Sehnsüchtig sah ich mich um. Die sich ihren Weg durch die aufreißende Wolkendecke bahnende Sonne tauchte alles um mich herum in ein goldenes Licht. Der Himmel dahinter war stahlblau. Das würde ein fantastischer Tag werden! Für einen Moment erwog ich wieder umzudrehen und mich mit Decke, Laptop und Wein in ein Kornfeld zu schlagen und, inspiriert von der Schönheit dieses Vormittags, eine Geschichte zu schreiben. Zu dumm, dass die Anzahl meiner Fehlzeiten mir diesen Luxus nicht erlaubte.

 

Ungeduldig fuhr ich auf den Uniparkplatz. Nach einigem Suchen huschte ich knapp vor einem schwarzen BMW in eine der Lücken in der ersten Reihe des Parkplatzes, die definitiv keine Studentenparkplätze waren. Als ich ausstieg, sah ich aus den Augenwinkeln auch prompt die Fahrerin des anderen Wagens auf mich zukommen.

„Ich würde es begrüßen“, sie blieb vor mir stehen und ließ ihren Autoschlüssel einmal lässig um ihren Zeigefinger kreisen, „Sie würden sich das nächste Mal woanders hinstellen, junge Dame.“ Ihr Lächeln ließ zwei Reihen perlweißer Zähne aufblitzen.

Der Verdacht, dass dies nicht mein Tag werden würde, hatte sich mir bereits beim Aufstehen aufgedrängt. Es konnte also nur besser werden.

Ich ließ meinen Blick auffällig über die Reservierungsschilder an der Grundstücksbegrenzung schweifen, um weniger dreist zu erscheinen, als ich war.

„Oh, tut mir Leid“, erwiderte ich folglich und zog meine Autoschlüssel wieder aus der Tasche in der Absicht, meinen Wagen umzuparken.

„Für heute lassen Sie es mal gut sein, ich werde es überleben.“ Sie lachte wieder und als sie die Sonnenbrille abnahm, sah ich in die dunkelblausten Augen und das zweifellos schönste Gesicht, das ich in meinem Leben je gesehen hatte. Irritiert wandte ich den Blick ab.

„Ich bin Helena Mendell.“ Sie streckte mir ihre gepflegte, zierliche Hand entgegen, die ich ergriff und leicht drückte. „Ich arbeite hier.“

„Sehr angenehm. Mia Inken von Wenneberl.“ Ich hielt inne. In meinem Kopf rumorte der Alkohol der letzten Nacht. So, als summten hundert Bienen ein Lied, dessen Text ich nicht verstand. Ich war mir sicher, ich gab ein recht erbärmliches Bild ab, wie ich so vor ihr stand. „Ich studiere hier“, fügte ich hinzu, um die Pause nicht zu lang werden zu lassen und ärgerte mich sogleich über meine Einfallslosigkeit.

„Tatsächlich?“, erwiderte sie amüsiert. „Darauf, dass Sie hier studieren, wäre ich nie gekommen.“

Wir liefen nebeneinander her über das Universitätsgelände.

„Und? Gefällt es Ihnen an der Uni?“ Sie sah mich von der Seite her an.

Auf jeden Fall gefiel mir die Art, wie sie sprach. Der Klang ihrer Stimme war weich und klar, ihre Aussprache akzentuiert.

„Es geht so“, erwiderte ich ehrlich und ergänzte, da ich annahm, dass sie mich inzwischen ohnehin für eine Idiotin hielt, „aber wer verschwendet nicht gerne seine Zeit?“

Sie blieb stehen und wandte sich mir zu. „Ist es das, was sie wollen? Ihre Zeit verschwenden?“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. „Ich weiß nicht. Ich meine...“ Ich geriet ins Stocken. Die Art, wie sie mich anschaute, hatte etwas direktes, verbindliches, das ich nicht einzuordnen vermochte. Außerdem empfand ich ihre Augenfarbe als äußerst ungewöhnlich; ich hatte so etwas noch nie gesehen: Ein dunkles Blau und mittendrin bernsteinfarbene, irisierende Stupse.

„Ist schon gut.“ Sie lächelte und strich sich durch ihr hellblondes Haar, das ihr fast bis auf die Schultern reichte. „Ich wollte sie nicht ausfragen.“

Wir gingen weiter. „Das haben sie nicht“, winkte ich ab. „Ich bin nur müde. Zu viele Drinks, zu kurze Nacht...“

Sie lachte. „Kommt mir bekannt vor!“

Als wir an Cafeteria angelangt waren, hielt ich an. „Ich muss dann mal“, sagte ich entschuldigend. Auf jeden Fall war es nett Sie kennengelernt zu haben.“

„Ganz meinerseits.“ Sie lächelte, die Augen wieder hinter Ihrer dunklen Brille verborgen. Wir gaben uns kurz die Hände. Dann drehte sie sich um und ging.

 

 

 

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