Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

SPUREN VON ROT

Katja Herrmann

 

Auszug aus Teil 1, Kapitel 10

 

 

Augugst

 

„Erzähl mir von dir“, sagte Helena am Abend des zweiten Tages. Ihre Augen strahlten gegen die Dämmerung und ihr loses Haar bildete einen hinreißenden Kontrast gegen die hereinbrechende Dunkelheit. Ich wusste, worauf sie hinaus wollte, sog an meiner Zigarette und sah zu, wie sich der Rauch verflüchtigte.

„Warum möchten alle immer etwas erzählt bekommen, das mit ihnen nichts zu tun hat? Ist doch sinnlos.“ Ich rauchte und betrachtete den dunkler werdenden Himmel.

„Ich bin weder `alle`, noch halte ich sinnlosen Smalltalk, wie du weißt. Und ich frage dich, weil es mich interessiert und weil ich recht wenig von dir weiß.“

Also erzählte ich ihr von meinen Eltern. Von meinem Vater, dem Diplomaten und meiner Mutter, der Tänzerin, die bei einem Verkehrsunfall starben, als ich vier Jahre alt war. Von den wenigen Fotografien, den einzigen Erinnerungsstücken, die ich besaß, und auf denen meine Mutter wunderschön und mein Vater glücklich aussah. Ich erzählte ihr vom Aufwachsen bei meiner Großmutter, von ihrem Tod und von meinem Umzug nach Heidelberg. Über meine finanzielle Situation war sie ja bereits im Bilde.

 

Als ich fertig war, senkte ich den Blick, damit sie die Tränen nicht sah, die über meine Wangen rollten. Sie kam zu mir herüber, setzte sich hinter mich und zog mich sanft in ihre Arme.

„Seltsam“, ergänzte ich nicht ohne eine Spur Bitterkeit, „als meine Großmutter noch lebte, hatte ich nichts und doch alles. Als sie starb, hatte ich auf einmal alles und nichts mehr.“ Ich schluckte.

Helena streichelte meine Arme und schwieg.

„Das Traurigste ist, dass ich mich kaum an sie erinnere. An meine Eltern, meine ich. Ich suche nach Gesichtern, Verhaltensweisen... nach etwas Vertrautem, das mir ein Gefühl von dem vermittelt, wer sie waren. Doch da ist nur Leere. Manchmal fühle ich mich, als würde ich gar nicht exisistieren, als könnte ich nicht sein ohne dies.“

„Dann wärst du hübscheste Unsichtbare, der ich je begegnet bin.“ Helena streichelte mein Gesicht.

„Vielleicht sollte ich jetzt gehen“, sagte ich und starrte in die vor uns aufsteigende Schwärze.

„Vielleicht hätte ich aber gerne, dass du noch bleibst?“ Sie nahm meine Hände in die ihren.

Ihre Berührungen irritierten mich. Unruhe stieg in mir auf und ich hatte Mühe sitzen zu bleiben.

Sie hielt meine Hände fest, verschränkte sie mit den ihren über meiner Brust und flüsterte: „Du bist nicht so allein, wie du vielleicht glaubst. Und du musst auch nicht alles alleine tragen, was dich belastet.“

 

Ich nickte und zählte innerlich bis zwanzig, dann machte ich mich behutsam los, küsste sie flüchtig auf die Wange und stand auf, um das Bier aus dem Kühlschrank zu holen, das ich am Nachmittag für uns hineingetan hatte.

 

 

 

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