Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Totenhaus

Manchmal kommt Abschied schnell und unerwartet.
Nimmt mit, weswegen er gekommen ist und entschwindet,
mir nichts dir nichts, durchs offene Fenster.
Raunt vielleicht dem Raben in der alten Kastanie etwas zu,
das verborgen bleibt hinter schwarzen Knopfaugen.

Zurück bleibt leise Festlichkeit,
wie Spinnweben hängt sie von Decken,
kitzelt Nasenspitze und Oberarme,
glitzert wie aus Gold gesponnene Fäden im Sonnenlicht.
An den Wänden prangen Gemälde,
ein bisschen schief hier und da,
Schnappschüsse der Vergangenheit.
Erinnerung schmückt jeden Raum wie Efeu,
kraftvoll, immergrün und tief im Gemäuer verankert.
Und über allem hallen deine Schritte wider.
Wie kann Schweigen so dünn sein, so leicht?
Fast sehe ich dich noch durch die Räume huschen,
weißes Sommerkleid auf gebräunter Haut,
langes Haar zu Zöpfen geflochten,
Teenagerlachen, hell und vertraut,

als ob es gerade gestern war.
Hasch mich! Ich laufe von Zimmer zu Zimmer,

strecke meine Hand aus,
um noch einmal zu berühren, was lange fort ist,
für einen Augenblick nur, eine Sekunde.

.Der Rabe ist wieder da und schaut interessiert vom Baum herüber.

Manchmal
kommt Abschied einem stillen Handel gleich,
von Gestern gegen Heute, und Gegenwart verbleibt.
Begleitet von einem Schauen hier und da, einem Flüstern,
weich wie die Ewigkeit.

 

 

© Katja Herrmann (2013)

 

 

 

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