Katja Herrmann Autorin
Katja HerrmannAutorin

Fallende Sterne

 

Als du ihr begegnest, trägt sie ein schwarzes Kleid. Ihre Haut ist hell, fast weiß, ihre Augen sind grüne, von dichten Wimpern umfächerte Sterne. Lippen und Nägel sind rot und der überdimensionale Ring an ihrem Finger bricht das Licht der Sonne in alle Facetten des Regenbogens. Ihr Auftreten ist elegant, ihr Gang leicht und beschwingt, so als liefe sie auf Wolken. Sie duftet nach Vanille, Sandelholz und reifen Himbeeren. Sie hat unzählige Bücher gelesen und Hunderte von Texten geschrieben und manchmal, in lautlosen Nächten, malt sie Bilder, in dessen Farben sie sich am liebsten auflösen möchte. Als du ihr in die Augen schaust, versinkst du in einem Blick, in dem sich das Wissen einer uralten Seele mit den letzten Spuren kindlicher Unbedarftheit vermischt. Ein Blick, der dich schweben, der dich wünschen lässt und der Sehnsucht nach mehr weckt, nach immer und immer mehr.

 

Sie braucht dich, um sich zu spüren: in allen Variationen der Kunst und in Gesprächen über Literatur, zwischen den Gemälden großer Maler und den geistreichen Zitaten einzigartiger Dichter, in einsamen Nächten am Meer, wo die Stille nur vom Streifen weicher Wellen gegen das Ufer durchbrochen wird und vom schneller werdenden Schlagen eurer Herzen bei jedem Gedanken an nach Champagner schmeckenden Küssen und begehrlichem Ineinander-Versinken in noch vom Tage warmem Sand. Sie braucht deine Gegenwart, um sich lebendig zu fühlen und weil du ihr gleichst, weil du, genau wie sie, genug in der Realität verankert bist, um dich bedenkenlos mit ihr in Träumereien zu verlieren, gibt sie dir das Gefühl, du seist ein wichtiger Teil davon. Sie braucht dich, um Erinnerungen an das Besondere zu konstruieren, gewissenhaft und akribisch wie ein Architekt. Mit dir werden ihre Geschichten echt, wird eine Leichtigkeit, die ihr selbst fehlt, real und eine große, weite Welt an Möglichkeiten greifbar nah.

 

Doch sie liebt das Suchen mehr als das Finden. Jeder Weg also, den du wählst, egal wohin, jede Biegung, die du in ihrem Irrgarten nimmst, führt dich niemals ins Innere, sondern immer und unweigerlich aus ihrem Paradies hinaus auf die Straße zurück. Wenn du also am Ende des Tages das Licht löschst, wird auch sie entschwinden, werden ihre Spuren verblassen wie ein flüchtiger Traum, an den nur ein leises Erinnern bleibt und der Duft von Vergänglichkeit.

 

 

(c) Katja Herrmann, Mai 2021

 

 

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